Samstag, der 17.11.2018

Wiltrud Mersmann: Der Faltstuhl vom Nonnberg in Salzburg. Salzburg: Winter 1985

Einen ausführlicheren Eindruck von dem Band geben nun die folgenden Ausführungen, die auch die Bedeutung und Einzigartigkeit des Nonnberger Faldistoriums berücksichtigen sowie die Problematik seiner Erforschung. Daran schließen sich Erörterungen von literarischen Bezügen der auf dem Stuhl dargestellten Szenen.
Seit seiner Gründung im 8. Jahrhundert gilt das Stift Nonnberg als das älteste kontinuierlich bestehende Nonnenstift nördlich der Alpen. Neben dem berühmten gotischen Altar, von Veit Stoß selbst oder seiner Schule verfertigt, besitzt das Stift noch einen weiteren kunsthistorischen Schatz. Es handelt sich dabei um einen kostbaren Faltstuhl, ein Faldistorium, das im Jahre 1242 der Äbtissin Gertrude vom Stein (S. 105) vom Stift Nonnberg verliehen wurde. Faldistorien gelten als bewegliche Thronsitze, als Hoheitszeichen, die bequem von einem Ort zu einem anderen gebracht werden können. Von diesen Faltstühlen ist nur eine geringe Anzahl aus dem Mittelalter erhalten, so dass das Salzburger Faldistorium als Objekt an sich als eine Besonderheit gelten kann, das zudem von höchst-künstlerischem Rang ist. Noch bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts wurde diese Kostbarkeit von den Äbtissinnen des Stiftes Nonnberg genutzt.
Wiederholt wurde die Entstehungszeit und der Entstehungsort dieses Faldistoriums in der Wissenschaft diskutiert, dabei seine Entstehung in das 13. Jahrhundert datiert und in Zusammenhang mit seiner Überreichung gebracht. Der heutige Zustand verweist auf das 15. Jahrhundert und kann als Resultat einer Restaurierung betrachtet werden. (S. 11) Neben Salzburg wurden auch Köln, Lothringen und Italien als Herstellungsorte einzelner Teile des Stuhles vermutet. Wiltrud Mersmann analysiert nach einer Darstellung der komplexen Forschungsproblematik den Stuhl und seine diversen Komponenten. Aus den unterschiedlichen Forschungsmeinungen, die sie präsentiert, wird deutlich, wie schwierig eine zeitliche und kunsthistorische Zuordnung dieses kostbaren Stuhles ist, der im 13. Jahrhundert wohl so aussah wie jetzt. (S. 105)
Anhand von interessanten Vergleichsbeispielen versucht Wiltrud Mersmann weitere, auch neue Erkenntnisse zur Datierung und Interpretation zu gewinnen. Die tragenden Holzteile des Stuhles stammen aus der Restaurierung von 1430, als das Gerüst des Stuhles komplett erneuert und rot bemalt wurde. Bildchen wurden als Ergänzung für fehlende Täfelchen gemalt. Die Bronzeklauen der Stuhlbeine und die Reliefs und Skulpturen aus Walrosszahn seitlich des Sitzbereiches gehören stilmäßig zusammen. Die szenischen Darstellungen der Relieftafeln lassen an den Umkreis der Erzählung des Hl. Eustachius denken, doch stimmen sie mehr mit dem um 1150 entstandenen Roman „Wilhelm von England“ („Guillaume d’Angleterre“) des französischen Dichters Chrétien de Troyes überein, der sich auf eine bereits vorhandene englische Geschichtsquelle in der Benediktinerabtei St. Edmund/Saint Esmoing in Bury, Suffolk, die „Estoires d‘Angleterre“, bezieht. In dieser Erzählung stehen ein König und seine Königin im Zentrum. Nach der dreimaligen Warnung durch eine (göttliche) Stimme fliehen sie heimlich aus dem Königspalast und entgehen dadurch einem Anschlag. Im Wald kommen ihre beiden Kinder zur Welt. Durch unglückliche Umstände wird die Königin von Kaufleuten über das Meer entführt und auch der König von seinen beiden Söhnen getrennt, sogar das Geld, das man dem verarmten König zugeworfen hatte, von einem Adler geraubt. Alle Mitglieder der Königsfamilie bewähren sich auch charakterlich in ihrem Exil und in den unglücklichen Umständen. Nach vielen Schicksalsschlägen gibt es jedoch zuletzt wieder eine glückliche Vereinigung der Königsfamilie. (S. 50) Wie das beherrschende Thema des Stuhles, die Trennung und Wiedervereinigung einer Königfamilie, schließen lässt, war der Stuhl vermutlich für weltliche Herrscher bestimmt. (S. 51) Dass es nicht ungewöhnlich war, dass weltlicher Besitz in geistliche Hände gelangte, kann Mersmann am Beispiel der „Kathedra Petri“ belegen, einem Thron Kaiser Karls des Kahlen, den der Kaiser dem Papst im Jahre 875 schenkte. Dieser Thron wurde schließlich so sehr geehrt und für heilig gehalten, dass man ihn als Kathedra des heiligen Petrus betrachtete. (S. 38) Mit Orientierung an den Löwenköpfen der Knäufe und an den Elfenbeinarbeiten und ihrer stilistischen Entsprechungen kann der Faltstuhl vor seiner Restaurierung wohl in das erste Viertel, zumindest in das zweite Viertel des 12. Jahrhunderts datiert werden. (S. 107) Als Entstehungsort ist England anzunehmen, dafür sprechen neben stilistischen Hinweisen auch die erzählenden Motive der Reliefs.
Ein dem Nonnberger Faltstuhl erhalten gebliebenes vergleichbares Werk fehlt (S. 109) wie auch das Faldistorium noch viele Fragen für zukünftige Forschung offen lässt, wie etwa seinen Weg von England in das heutige Österreich. (S. 108)
                                            Maria E. Dorninger