Freitag, der 20.07.2018

Amazonaskind. Aus dem Regenwald nach Europa – Geschichte einer Selbstbefreiung

Sueli Menezes/ Bruni Prasske: Amazonaskind. Aus dem Regenwald nach Europa – Geschichte einer Selbstbefreiung. Hamburg: Hoffmann & Campe 2004. (320 Seiten, zahlreiche Abbildungen)

Sueli Menezes, ehemals Mitglied eines erfolgreichen Samba-Ensembles in Österreich, setzt sich für Straßenkinder und Kinderprojekte in Rio de Janeiro und São Paolo ein und gründete den Verein ‚Vitoria-Regia‘. Die zahlreichen Schmerzen ihrer eigenen Kindheit in Brasilien verhärteten sie nicht, sondern machten sie sensibel für die Leiden anderer. Aufgewachsen im Flussgebiet des Amazonas in Parana do Paratari, an einem Seitenarm des Rio Solimões, gelangte sie schließlich aus privaten Gründen nach Österreich. Verheiratet, mit Kind und integriert, holen sie die Schatten und traumatischen Erlebnisse ihrer Vergangenheit ein, der sie sich schließlich bei einer Brasilienreise mit einer Freundin stellt. Das Buch beschreibt weitgehend chronologisch die Ereignisse im Leben von Sueli Menezes, ihre Freuden, die Widrigkeiten, denen sie sich tapfer stellt, ihre Schmerzen und deren Verarbeitung.  Der Leser erhält dabei auch Einblick in das faszinierende und schwierige Leben im Amazonas-Gebiet.

Durch die Biographie führt eine Ich-Erzählerin und geleitet behutsam durch die Geschichte. Der Leser wird dabei Zeuge von den tragischen Begebenheiten und Umständen im Leben der Erzählerin und gewinnt Eindrücke vom Alltagsleben in den verschiedenen sozialen Schichten Brasiliens. Im Verlauf der Schilderungen entsteht ebenso ein lebendiges Bild der im Gebiet des Amazonas lebenden Menschen im Wechsel der Jahreszeiten.
Die Erzählung beginnt mit der Kindheit der Protagonistin, Sueli, die am Fluss aufwächst. Der Fluss und das Leben an diesem bilden auch das die Biographie umspannende Rahmenelement. Vom Strom geht die Erzählung aus und kehrt wieder zu ihm wieder zurück. Der Epilog schildert die Begegnung von Sueli Menezes und Bruni Prasske, der Co-Autorin, die Entstehung des Buches sowie die Resultate weiterer Nachforschungen zu den Lebenswegen einzelner Personen im Buch, die in der Realität existierten, deren Namen jedoch in der Biographie geändert wurden. Widmungen und Dank-Abschnitte bilden den Abschluss.

Das Buch selbst ist spannend geschrieben. Die beiden Verfasserinnen berichten von einem aufregenden und auch erschütternden Leben, in dem sich viele gegenwärtige Fragestellungen und Probleme spiegeln, die nicht nur Brasilien betreffen, wie etwa das der physischen Gewalt und ihre Auswirkungen (etwa in einer Familie) und der Umgang damit, die Bedeutung von Zivilcourage (so bei Nachbarn oder im Verwandtenkreis), das Thema Vergewaltigung und die Probleme, die sich daraus für Mutter und Kind ergeben, die Scham der Opfer, die Skrupellosigkeit der ( oder zumindest mancher) Täter, die Frage der Tabus bzw. der Geheimnisse in Familien, die oft auch die Abstammung einzelner Kinder betreffen, starres Gesellschaftsdenken, Fragen der unterschiedlichen Mentalitäten, der Integration und Ausländerfeindlichkeit.  Dazu kommen auch sehr persönliche Fragen, von denen sich niemand ausnehmen kann, wie diejenige nach der Wahrhaftigkeit des eigenen Lebens, die sich im Verhältnis von Innen und Außen des Menschen bzw. im Verhältnis von äußerlichem Agieren und der (innerlichen) Befindlichkeit des eigenen Seins spiegelt, wie auch Fragestellungen, die die Bedeutung von Anerkennung und der Erfahrung liebender Akzeptanz für den Einzelnen betreffen.

Schon in ihrer Kindheit erfährt die Protagonistin der Biographie, Sueli, nicht nur Geborgenheit, sondern auch Bedrohung in ihrer Familie. Immer in Angst vor ihrem gewalttätigen Vater, schützt der Großvater Sueli so gut er kann. Er selbst hatte Schweres erlitten. Als Indianer geboren und erzogen, wurde er als Junge verschleppt und zum Zapfen von Kautschuk gezwungen. Dennoch gelingt es ihm nicht ganz, Sueli vor den Einschüchterungen und den Gewalttätigkeiten des eigenen Vaters, die sich häufig über sie ergießen, zu bewahren. Als Sueli einen Ziehvater findet, der sie der Willkür ihres eigenen Vaters entzieht, kann sie für einige Zeit aufatmen. Sie muss nun lernen mit den Lebensbedingungen in einer Stadt, Manaus, zurechtzukommen und darf die Schule besuchen. Ein weitgehend unbeschwertes Leben beginnt nun für sie. Nach einer Europa-Reise kommt ihr Ziehvater jedoch nicht mehr zurück und so steht Sueli erneut vor Schwierigkeiten, bei denen ihr zunächst die ehemalige Hausangestellte ihres Ziehvaters, Dona Iara, hilft. Dennoch wird sie Opfer eines gewaltsamen Übergriffs und der Drohungen eines Mannes, dem und dessen Familie sie ihr Ziehvater ahnungslos anvertraut hatte, bevor er Brasilien verließ. Die tapfere junge Frau, noch ein Teenager, meistert jedoch trotz allem ihr weiteres Leben. Ihre Jugendliebe scheitert an den sozialen Gegensätzen, an denen die Elterngeneration rigide festhält.  Ihre ganzen Kräfte setzt sie zunächst für ihren Sohn in Brasilien ein, sodann auch für den aus ihrer Ehe mit einem Österreicher, obwohl sie in Europa die Schatten und Qualen ihrer Vergangenheit einholen.

Trotz allem Schweren in diesem geschilderten Leben erzählen die Verfasserinnen doch neben dem so qualvoll Erlebten von dem Schönen, von helfenden und liebenden Menschen in Brasilien wie dann auch später in Europa. Auch humorvolle Passagen fehlen nicht, so wenn die kleine Sueli von ihrem neuen Zuhause in Manaus bei ihrem Ziehvater begeistert ist und das Haus inspiziert. Mit dem Wunsch ihre Geschichte zu erzählen, bricht Sueli jedoch aus dem Gefängnis des Schweigens und der Einschüchterung aus, bekennt sich zu ihrer eigenen leidvollen Vergangenheit und versöhnt sich in gewissem Sinne damit. Plötzlich überkam mich der Drang, alles aus mir herauszuschreien. Alle sollten wissen, was ich gesehen, erlebt und erlitten hatte. Alle sollten von meiner Verzweiflung, meinem Kampf und meinem Glück wissen. (S. 312)

Besonders eindrucksvoll in der Biographie ist zudem für speziell Interessierte die Schilderung des einfachen und schweren Lebens der so genannten Fluss-Menschen im Amazonasgebiet, die sich von diversen Tätigkeiten, wie etwa dem Kautschuk-Zapfen, der Jute-Ernte oder der Fischjagd, ernähren. Bei der Schilderung des stillen Gleitens im Kanu mit dem Großvater wird Sueli (und mit ihr der Leser) in die faszinierend-unberührte und doch auch poetische Landschaft des Regenwaldes entführt. Der Großvater ist es, der sie in die Geheimnisse des Regenwaldes einweiht und sie vor Gefahren warnt. Von ihm lernt sie Tiere und Pflanzen kennen,  die Verwendung heilender Kräuter und hört indianische Legenden. Er nimmt sie auf die Fischjagd mit und erzählt ihr neben vielen Legenden auch die Geschichte, wie die große Seerose, die Vitória-Régia, entstand, oder auch die Legende vom Flussdelphin, Bôto, der sich in Menschengestalt verwandelte und in ein wunderschönes Indianermädchen verliebte. Das stille Gleiten des Kanus und die Welt der Legenden werden so auch zum Bild der Ruhe und Erholung wie auch der Selbstfindung für die kindliche und erwachsene Seele der Erzählerin und zeugen vom kulturellen Reichtum des Amazonas-Gebietes. Diese poetisch erscheinenden Passagen stehen jedoch im Kontrast zu den vielen leidvollen Erlebnissen, die von Problemen zeugen, die nachdenklich stimmen und aufrütteln sollten.

Maria E. Dorninger