Donnerstag, der 21.06.2018

Ich bitte nicht um mein Leben

Marina Nemat: Ich bitte nicht um mein Leben (Prisoner of Teheran. A Memoir). Deutsch von Holger Fock und Sabine Müller. Augsburg: Weltbild 2007. (391 Seiten, zahlreiche Fotos)

 

Als ganz normale, durchschnittliche, christliche Hausfrau der Mittelschicht auf dem amerikanischen Kontinent, so konnte zunächst von anderen die Verfasserin dieses Buches wahrgenommen werden. Doch dann holt sie eines Tages ihre Vergangenheit ein, die Zeit der Aufarbeitung ihrer Gefangenschaft im berüchtigsten Gefängnis Teherans beginnt. Das Buch beruht auf wahren Begebenheiten und ist neben der Familie auch den politischen Gefangenen im Iran gewidmet.

Die Geschichte selbst ist aus der Perspektive der Erzählerin, der Erlebenden, spannend erzählt. Ein Buch, das man nicht zur Seite legen möchte, obwohl es von den Lesern doch auch einiges abverlangt, werden doch politische und vor allem menschliche Themen aufgegriffen, die viele bewegen, wie politische Verfolgung und Fanatisierung durch Ideologien, Folter, der Verlust von Freunden, Liebe und Hass, Verrat, seelische Konflikte, der Überlebenskampf in Extremsituationen, Erpressung, Verzweiflung, der Kampf mit Depressionen, Ansätze zur Verarbeitung von Traumata und anderes mehr. Das Buch ist faszinierend, erschreckend und tröstlich zugleich. Wer sich auf diese Themen einlassen möchte, wird bei der Lektüre miterleben dürfen, dass es sich lohnt, das Leben zu wagen, wie immer hoffnungslos eine Situation auch in der Gegenwart aussehen könnte.

Die Erlebnisse setzen ein, als es der Erzählerin, Marina Nemat, gelungen ist, eine Familie und neue Existenz in Kanada aufzubauen. Die Traumata lassen sich nicht mehr länger verdrängen. Sie beginnt über ihre Erlebnisse zu schreiben und zu sprechen.  Die zahlreichen Kapitel des Buches erzählen abwechseln die Geschichte ihrer Verhaftung, Inhaftierung und ihrer Ehe mit einem islamischen Gefängnismitarbeiter, der ihr Leben rettete, und ihr Leben bis zu dieser Verhaftung: ihre Erinnerungen an die Großmutter, die erste Liebe, so dann die große Liebe, die sich in der Zeit ihrer Gefangenschaft bewährt und dann schließlich die neue Zukunft.
Die politischen Ereignisse, der Sturz des Schahs, Reza Pahlavi, 1979, die Machtübernahme durch Ayatollah Chomeini, werden wohl angesprochen, bleiben jedoch mehr im Hintergrund. Dennoch wird deutlich wie das politische Geschehen das Leben der Einzelnen beeinflusst  Deutlich zeigt sich die Vielfalt des iranischen Lebens zur Zeit des Schahs, in der unterschiedliche religiöse Gruppierungen friedlich koexistieren konnten, die zur Zeit aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden sind, neben verschiedenen Vertretern des Islam, Schiiten und Sunniten, neben unterschiedlichen Denominationen der christlichen Minderheit, wie armenisch-orthodoxe oder assyrische Christen, existierte auch eine größere Anzahl an Bahai wie auch Zoroastriern, die auch die Leitung der angesehenen höheren Schule, die Marina Nemat in Teheran besucht hatte, geleitet wurde. Mit der Übernahme durch Anhänger der islamischen Revolution änderte sich diese Vielfalt schnell. Kleidungsvorschriften und strenger Tadel für westliche Gepflogenheiten folgen (S. 135, 166f.). So wird das Tragen von Make up als „satanisch“ eingestuft oder Augenbrauenzupfen zu einem Vergehen. In den Schulen leidet der Unterricht unter der Indoktrinierung. Auslöser für die weiteren dramatischen Ereignisse wird die Bitte der unpolitischen 16jährigen Marina an ihre Lehrerin, doch von ihren (politischen) Reden zum Unterrichtsstoff zurückzukehren. Die Folgen der neuen Machtübernahme sind deutlich zu erkennen.  So verbrennt die Mutter Marinas westliche Literatur, wie die „Chroniken von Narnia“ die unter der Herrschaft des neuen Regimes für die Familie zur Zeitbombe werden können (S. 343f.), die jedoch Marina viel bedeutet hatten. Als junge Schülerin hatte sie mühsam Geld gespart und sogar ihre liebe Gegenstände verkauft, um Bücher dafür erwerben zu können (S. 74f.) bis der armenische second hand-Buchhändler Albert für sie geradezu eine ‚Leihbibliothek‘ eröffnete.
Doch neben eher idyllischen Abschnitten werden die tiefe Verzweiflung und die Konflikte eines Menschen sichtbar, der  immer wieder ihm liebe Menschen verliert und dem man auch die persönliche freie Entscheidung für einen Lebenspartner und den Glauben zu nehmen sucht. Wenn auch immer wieder von Repressionen,  von Gewalt, vom Hass der Menschen im Buch die Rede ist, bestimmt letzterer nicht das Buch, im Gegenteil, versucht sie aufzuzeigen, dass eben Gewalt kann wirklichen Lösungen schaffen kann. Diese Haltung liegt wohl auch im tief verwurzelten Glauben der Verfasserin begründet, der sie in den dunklen Stunden  aufrecht hielt. Doch auch nach ihrer Freilassing nach zwei Jahren Gefängnis leidet Marina unter dem Schweigen, dem Nicht-Fragen ihrer Mitmenschen, das eine Tante ihr folgendermaßen erklärt und das wohl exempelhaft für Verdrängungen jeder Art stehen kann:
„Die Antwort ist ganz einfach: Wir fürchten uns, danach zu fragen, weil wir Angst davor haben, etwas zu erfahren, das wir nicht wissen wollen. Ich glaube, es ist eine natürliche Form der Abwehr. Vielleicht hoffen wir, wenn wir nicht darüber sprechen, wenn wir so tun, als ob es nie geschehen wäre, könnte es vergessen werden.“ (S. 346).
Die Stärke des Buches das den Leser durch diese schwierigen Zeiten von Marina Nemat hindurch bis zur Emigration 1991 nach Kanada führt, liegt sicher vor allem darin, wie die Autorin die Menschen beschreibt. Sie werden meist quer durch alle Religionen und politischen Gruppierungen hindurch trotz all ihrer Schwächen und so mancher (egoistischen) Engstirnigkeit eben auch in ihrer positiven Menschlichkeit gekennzeichnet. Niemand wird als perfekter Held gezeichnet, auch nicht die Verfasserin, sondern der Mensch im Ringen um die persönliche Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit, bei der keine Form der Gewalt eine Lösung bieten kann.

Maria E. Dorninger