Montag, der 22.10.2018

Mein Leben unter zwei Himmeln

Yuqian C. Kuan: Mein Leben unter zwei Himmeln. Eine Lebensgeschichte zwischen Shanghai und Hamburg. Mit einem Nachwort von Hans-Wilhm. (Bern u. München: Scherz)  Lizenzausgabe Augsburg: Weltbild 2005. (607 Seiten, zahlreiche Abbildungen)

 

Wer sich für China und den Fernen Osten interessiert, sollte sich vom Umfang dieser Biographie, deren Lettern nicht allzu groß gedruckt sind, nicht abschrecken lassen. Der Lebensbericht des Verfassers, Professor Kuan (Guan) Yuqian (= Kuan Yu Chien), ist so spannend geschrieben, dass man das Buch nur ungern weglegt, das leserfreundlich in zahlreiche, überschaubare Kapitel gegliedert ist. Man könnte, wenn man wollte, also jederzeit die Lektüre unterbrechen. Jedem größerem Abschnitt geht ein kurzer historischer Überblick voraus, der die historischen Ereignisse in China bzw. in Deutschland kurz präsentiert und so die privaten Lebenserinnerungen des Autors in einen geschichtlichen Kontext setzt.

Der Autor (*1931-), der in Kanton geboren wurde und in Shanghai aufwuchs, studierte und arbeitete in Peking als Dolmetsch für Russisch und Englisch und in Nordwestchina als Journalist. Nach seiner abenteuerlichen Flucht aus dem Reich der Mitte nach Kairo musste er eineinhalb Jahre im Gefängnis verbringen, bevor er 1969 in Deutschland eine neue Heimat und die Frau an seiner Seite, Petra Häring, fand. Zunächst in Münster, das nur eine Zwischenstation sein soll und ist, führt ihn sein Weg nach Hamburg, wo er promoviert und zunächst als Lektor lange Jahre an der Universität Sinologie lehrt. Professor Kuan Yuqian, der heute als Autor und Journalist in Hamburg und Shanghai lebt, gilt als geachtete und prominente Persönlichkeit in Deutschland und China, die es als ihre Aufgabe sieht, Wissen und Verständnis über China und seine Kultur in Europa zu vermitteln, eine Intention, die ihm mit dieser Autobiographie ganz sicher gelingt.
Erwartungsgemäß nehmen die Schilderungen der Zeit in China zwei Drittel des Bandes ein, der verbleibende Teil beschreibt den Aufenthalt in Ägypten und in Deutschland. Das Buch umspannt den Zeitraum zwischen 1911 und 2001 und schildert farbenprächtig am Beispiel des Lebens von Kuan Yuqian den Werdegang der heutigen Volksrepublik China seit dem Ende des Kaiserreiches. Es setzt ein mit der Geschichte von Kuans Eltern, die zunächst westlich geprägt waren und dem christlichen Umfeld entstammten (der Vater hatte in den Vereinigten Staaten in Yale studiert, die 1836 geborene Mutter studierte an der ersten chinesischen Frauenhochschule von Tainjin). In diesem christlichen Umfeld in China entwickelten und gediehen auch die Ideen und Projekte für gerechtere soziale Strukturen im Land. Mit der japanischen Besetzung veränderte sich auch das zunächst sehr glückliche Familienleben.  Der Vater verließ die Familie, um im Untergrund gegen die Besatzer tätig zu sein, während die Mutter unter größtem Einsatz und mit Unterstützung der Verwandten für den Lebensunterhalt und die Ausbildung der Kinder aufkamen und so auch dem Verfasser eine ausgezeichnete westliche schulische und gute musikalische Ausbildung ermöglichten. Violin- und Klavierspiel bildeten dabei ebenso eine Brücke zum Westen. Die Schilderung der japanischen Besatzungszeit macht auch dem heutigen Leser die aktuellen Schwierigkeiten in der Beziehung zwischen Japan und China deutlich, sodann die Hoffnungen, die auf die amerikanische Hilfe gesetzt wurden wie auf die Nationalregierung unter Tschiang Kai Schek (=Chiang Kai-shek). Die Enttäuschungen über ausbleibende soziale und wirtschaftliche Verbesserungen, die schließlich zum Bürgerkrieg und zur kommunistischen Machtübernahme durch Mao Tse-tung (=Mao Zedong) führten. Unter seinem diktatorischen Regime kam es zu mehreren revolutionären Bewegungen wie etwa der Kulturrevolution von 1966. Persönliche, freundschaftliche, familiäre Beziehungen wurden in diesen Zeiten extrem belastet durch politische Kampagnen, die zu Denunziationen und Verleumdungen führten. Das Christentum wurde verdrängt. Das Leben Kuan Yuqians wird zum Beispiel eines Lebens unter einem totalitären Regime, das auch auf das Privatleben, wie auf Eheschließungen (so auf die mit seiner ersten, chinesischen Frau), Einfluss zu nehmen sucht. Fernab aller Ideologien und religiösen Standpunkte kann diese Biographie als Zeugnis für die Liebe des chinesischen Volkes zu seinem Land gelten trotz aller Schwierigkeiten und Fährnisse, denen die Einzelnen in einer Atmosphäre des Misstrauens ausgesetzt waren. Doch neben dieser Präsenz des Politischen gibt das Buch auch sehr private Einblicke in das Leben des Verfasser, die Probleme in der Schulzeit, die finanzielle Knappheit der  Familie, die erste Liebe oder die Heirat mit seiner zweiten Frau, um nur einiges zu nennen. Berührend ist, wie der Verfasser als junger Schüler mit 12 Jahren, da seine Mutter die weitere Schulzeit nicht mehr finanzieren kann, sich als Helfer bei einem Bügelmeister das Leben verdienen möchte (S. 23f. ) oder wie kurz vor seiner Flucht die Mutter darüber ahnungslos ihrem bereits bedrohten Sohn hilft, harmlose Privatbriefe zu verbrennen, um diese nicht an die Roten Garden ausliefern zu müssen: „Ich schaute meine Mutter an, […] betrachtete ihr Gesicht, das von Falten gezeichnet und alt geworden war, und sah zu, wie sie am Herd stand und die Briefe den Flammen übergab. Immer wieder hatte sie Briefe und Bücher verbrennen müssen, erst wegen der Japaner, um Vater zu schützen, dann wegen der Nationalpartei und jetzt wegen der Kommunisten, um ihren Sohn zu schützen“ (S. 378f.).  Trotz aller Gefährdung und gewissermaßen auch Tragik dieses Lebens kommt jedoch auch der Humor nicht zu kurz, so bei der Schilderung der Prozeduren auf dem Standesamt in Hongkong (S. 545ff.).
Betrachtet von einer Perspektive fern aller ideologischen und religiösen Standpunkte gibt dieses Buch als Zeugnis für das Leben unter einer Diktatur unschätzbare Einblicke, wobei der Autor nie seine Liebe zu seinem Heimatland und seinen Menschen aus den Augen verliert. Gleichzeitig zeigt sich an seinem Leben, dass Verständnis, Respekt und ein Miteinander zwischen Kulturen möglich sind.  

 Maria E. Dorninger