Mittwoch, der 19.12.2018

Den Himmel gibt’s echt

Todd Burpo mit Lynn Vincent: Den Himmel gibt’s echt. Die erstaunlichen Erlebnisse eines Jungen zwischen Leben und Tod. Holzgerlingen: SCM Hännssler 2011. (160 Seiten, zahlreiche Abbildungen)

Wie würden Sie wohl reagieren, wenn Sie ihr eigenes Kind oder ein bekanntes fragen, ob es sich noch an seinen Krankenhausaufenthalt erinnern kann, und dieses würde allen Ernstes antworten: „Ja, […] ich weiß das noch. […] Das war, wo die Engel mir was vorgesungen haben.“ (S. 10). Solche Antworten sind im Normalfall nicht vorgesehen und so reagieren auch die Eltern des kleinen Colton Burpo, der freikirchliche Pastor, Todd Burpo, und seine Ehefrau Sonja, in Nebraska, USA, zunächst auf diese Frage, nämlich ungläubig und fassungslos. Doch sie versuchen dem Phänomen auf den Grund zu gehen, das ihr kleiner dreijähriger Sohn nahe dem Tod im Krankenhaus erlebt hat. Nach und nach klärt sich der Schleier und der Kleine eröffnet mehr und mehr seinen Eltern, was er erlebt hat. Dabei gehen diese sehr feinfühlig vor und versuchen, ihrem kleinen Sohn ihre Fragen so zu stellen, dass ihr Kind möglichst einflussfrei (auch was das Vokabular betrifft) antworten kann. So bezeichnet der Junge die Wunden Christi, die er gesehen hat, als Marker, da er selbst noch nicht das entsprechende Wort: ‚Wundmale‘ kennt. (S. 74). Die Erzählungen des Jungen sind erstaunlich und werden vom Vater an biblischen Aussagen überprüft, die der Leser nachvollziehen kann.

Neben den Berichten des Jungen wird in der Darstellung jedoch in gleicher Weise das christliche Umfeld bzw. die christliche Lebensweise der Familie sichtbar, die trotz aller Schwierigkeiten und Probleme zueinander steht. So muss der Vater, ein freikirchlicher Pastor einer kleinen Gemeinde, um sich sein Pastorenamt finanzieren zu können, eine Garagenfirma betreiben und die diversen Ereignisse (Unfall und Krankheit des Vaters) vor der lebensbedrohlichen Erkrankung von Colton treiben die Pfarrersfamilie fast an den finanziellen Ruin. Die Schilderung der außerordentlichen und alltäglichen Schwierigkeiten und Szenen einer Durchschnittsfamilie berühren, wenn etwa Colton und seine ältere Schwester Cassie wegen einer Magen-Darm-Grippe gleichzeitig erbrechen und beide Elternteile daher in Großeinsatz sind (S. 32f.) oder wenn der Pastor seine Vorbereitung für den Gottesdienst trifft und der kleine Colton daneben spielt: […] ich arbeitete an einer Predigt, und im Hintergrund hörte ich das beruhigende Geräusch des Krieges, den mein Kleiner gerade mit seinen Superheld-Figuren führte.  (S.71ff.). Diese Genreszenen, die eine ganz normale Familie zeigen, in der auch das mit übernatürlichen Erkenntnissen beschenkte Kind Colton einen ganz normalen Status einnimmt und nicht als Superkind betrachtet wird, gehören wohl mit zu den schönsten und gewinnenden Passagen dieses sympathischen und liebenswerten Buches. Umwerfend und zutiefst berührend ebenso wenn der kleine Colton von sich aus seine übernatürlichen Erlebnisse seinem Vater erzählt und beginnt mit einem „Wusstest du“. (S. 72). Ja, der Vater wusste schon, aber woher wusste es der kleine Sohn. … oder wenn der Sohn plötzlich ein besonderes Wissen über die Familie zeigt, wie über die tiefe Wunde im Herzen seiner Mutter, eine erlittene Fehlgeburt, von der er übernatürlich erfahren hatte (S. 99f.).
Der kleine Roman bzw. die biographische Erzählung, die sich in diverse Kapitel gliedert und so auch eine Unterbrechung der Lektüre erlaubt, ist stilistisch einfach, doch sehr gut lesbar gehalten. Hat man einmal begonnen mit der Lektüre, wird man jedoch das erfrischende, lebendig geschriebene Buch, das auch sehr humorvoll gestaltet ist, ungern zur Seite legen und sich wahrscheinlich nach vollbrachter Lektüre auch das eine oder andere Kapitel noch einmal zu Gemüte führen.
Allgemein ist diese biographische Erzählung dem Umfeld der internationalen Nah-Tod-Erlebnisse-Erzählungen zuzuordnen, wobei hier jedoch möglicherweise eher der Aspekt der Visionsliteratur geltend gemacht werden kann, da ärztlicherseits nicht von einem klinischen Tod des kleinen Helden ausgegangen wird. Der Roman bzw. die biographische Erzählung berichtet die Ereignisse aus der Perspektive des Vaters.

Für den(christ-)gläubigen Menschen aller Konfessionen wird diese Geschichte eine weitere, sehr tröstliche Bestätigung sein, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, dass wir unsere lieben Verstorbenen einst wiedersehen werden und dass ebenso diejenigen, an die sich vielleicht niemand mehr erinnern kann, auch in Gott geborgen sind. Es gibt also diesen anteilnehmenden Gott wirklich und er hört das Rufen der Menschen und ihre Gebete. Das Buch zeigt jedoch nicht nur die erfreulichen Seiten eines christlichen Lebens, sondern verweist auch auf die Verzweiflung, die angesichts unverstehbarer, (lebens-)bedrohlicher Ereignisse auch den gläubigen Menschen treffen kann. Insofern wird es auch zum Trost und zur Ermutigung in schwierigeren Zeiten, in eigenen Glaubenskrisen.
Für diejenigen, die das alles nicht glauben, bleibt dieses Buch jedoch ein schöner, kleiner Roman, der den Blick über das Sichtbare hinaus öffnet, möglicherweise in dunklen Zeiten auch Trost spendet und Hoffnung gibt auf mehr.
Dies ist auch das Ziel des Autors Todd Burpo, der gesteht:
„Manchmal fragen uns Leute: Warum Colton? Warum, meinen Sie, ist das in Ihrer Familie passiert? Mehr als einmal musste ich sagen, dass wir nur ganz einfache Leute aus einem Kuhdorf in Nebraska sind. Wir können nicht mehr, als Ihnen erzählen, was uns passiert ist, und hoffen, dass Sie dadurch ermutigt werden.“ (S. 150).

                                    Maria E. Dorninger