Dienstag, der 18.12.2018

Leseempfehlungen

Neues und Altes: Bücher aus der Bibliothek der Pfarre St. Martin

Wiltrud Mersmann: Der Faltstuhl vom Nonnberg in Salzburg. Salzburg: Winter 1985

Einen ausführlicheren Eindruck von dem Band geben nun die folgenden Ausführungen, die auch die Bedeutung und Einzigartigkeit des Nonnberger Faldistoriums berücksichtigen sowie die Problematik seiner Erforschung. Daran schließen sich Erörterungen von literarischen Bezügen der auf dem Stuhl dargestellten Szenen.
Seit seiner Gründung im 8. Jahrhundert gilt das Stift Nonnberg als das älteste kontinuierlich bestehende Nonnenstift nördlich der Alpen. Neben dem berühmten gotischen Altar, von Veit Stoß selbst oder seiner Schule verfertigt, besitzt das Stift noch einen weiteren kunsthistorischen Schatz. Es handelt sich dabei um einen kostbaren Faltstuhl, ein Faldistorium, das im Jahre 1242 der Äbtissin Gertrude vom Stein (S. 105) vom Stift Nonnberg verliehen wurde. Faldistorien gelten als bewegliche Thronsitze, als Hoheitszeichen, die bequem von einem Ort zu einem anderen gebracht werden können. Von diesen Faltstühlen ist nur eine geringe Anzahl aus dem Mittelalter erhalten, so dass das Salzburger Faldistorium als Objekt an sich als eine Besonderheit gelten kann, das zudem von höchst-künstlerischem Rang ist. Noch bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts wurde diese Kostbarkeit von den Äbtissinnen des Stiftes Nonnberg genutzt.
Wiederholt wurde die Entstehungszeit und der Entstehungsort dieses Faldistoriums in der Wissenschaft diskutiert, dabei seine Entstehung in das 13. Jahrhundert datiert und in Zusammenhang mit seiner Überreichung gebracht. Der heutige Zustand verweist auf das 15. Jahrhundert und kann als Resultat einer Restaurierung betrachtet werden. (S. 11) Neben Salzburg wurden auch Köln, Lothringen und Italien als Herstellungsorte einzelner Teile des Stuhles vermutet. Wiltrud Mersmann analysiert nach einer Darstellung der komplexen Forschungsproblematik den Stuhl und seine diversen Komponenten. Aus den unterschiedlichen Forschungsmeinungen, die sie präsentiert, wird deutlich, wie schwierig eine zeitliche und kunsthistorische Zuordnung dieses kostbaren Stuhles ist, der im 13. Jahrhundert wohl so aussah wie jetzt. (S. 105)
Anhand von interessanten Vergleichsbeispielen versucht Wiltrud Mersmann weitere, auch neue Erkenntnisse zur Datierung und Interpretation zu gewinnen. Die tragenden Holzteile des Stuhles stammen aus der Restaurierung von 1430, als das Gerüst des Stuhles komplett erneuert und rot bemalt wurde. Bildchen wurden als Ergänzung für fehlende Täfelchen gemalt. Die Bronzeklauen der Stuhlbeine und die Reliefs und Skulpturen aus Walrosszahn seitlich des Sitzbereiches gehören stilmäßig zusammen. Die szenischen Darstellungen der Relieftafeln lassen an den Umkreis der Erzählung des Hl. Eustachius denken, doch stimmen sie mehr mit dem um 1150 entstandenen Roman „Wilhelm von England“ („Guillaume d’Angleterre“) des französischen Dichters Chrétien de Troyes überein, der sich auf eine bereits vorhandene englische Geschichtsquelle in der Benediktinerabtei St. Edmund/Saint Esmoing in Bury, Suffolk, die „Estoires d‘Angleterre“, bezieht. In dieser Erzählung stehen ein König und seine Königin im Zentrum. Nach der dreimaligen Warnung durch eine (göttliche) Stimme fliehen sie heimlich aus dem Königspalast und entgehen dadurch einem Anschlag. Im Wald kommen ihre beiden Kinder zur Welt. Durch unglückliche Umstände wird die Königin von Kaufleuten über das Meer entführt und auch der König von seinen beiden Söhnen getrennt, sogar das Geld, das man dem verarmten König zugeworfen hatte, von einem Adler geraubt. Alle Mitglieder der Königsfamilie bewähren sich auch charakterlich in ihrem Exil und in den unglücklichen Umständen. Nach vielen Schicksalsschlägen gibt es jedoch zuletzt wieder eine glückliche Vereinigung der Königsfamilie. (S. 50) Wie das beherrschende Thema des Stuhles, die Trennung und Wiedervereinigung einer Königfamilie, schließen lässt, war der Stuhl vermutlich für weltliche Herrscher bestimmt. (S. 51) Dass es nicht ungewöhnlich war, dass weltlicher Besitz in geistliche Hände gelangte, kann Mersmann am Beispiel der „Kathedra Petri“ belegen, einem Thron Kaiser Karls des Kahlen, den der Kaiser dem Papst im Jahre 875 schenkte. Dieser Thron wurde schließlich so sehr geehrt und für heilig gehalten, dass man ihn als Kathedra des heiligen Petrus betrachtete. (S. 38) Mit Orientierung an den Löwenköpfen der Knäufe und an den Elfenbeinarbeiten und ihrer stilistischen Entsprechungen kann der Faltstuhl vor seiner Restaurierung wohl in das erste Viertel, zumindest in das zweite Viertel des 12. Jahrhunderts datiert werden. (S. 107) Als Entstehungsort ist England anzunehmen, dafür sprechen neben stilistischen Hinweisen auch die erzählenden Motive der Reliefs.
Ein dem Nonnberger Faltstuhl erhalten gebliebenes vergleichbares Werk fehlt (S. 109) wie auch das Faldistorium noch viele Fragen für zukünftige Forschung offen lässt, wie etwa seinen Weg von England in das heutige Österreich. (S. 108)
                                            Maria E. Dorninger

Amazonaskind. Aus dem Regenwald nach Europa – Geschichte einer Selbstbefreiung

Sueli Menezes/ Bruni Prasske: Amazonaskind. Aus dem Regenwald nach Europa – Geschichte einer Selbstbefreiung. Hamburg: Hoffmann & Campe 2004. (320 Seiten, zahlreiche Abbildungen)

Sueli Menezes, ehemals Mitglied eines erfolgreichen Samba-Ensembles in Österreich, setzt sich für Straßenkinder und Kinderprojekte in Rio de Janeiro und São Paolo ein und gründete den Verein ‚Vitoria-Regia‘. Die zahlreichen Schmerzen ihrer eigenen Kindheit in Brasilien verhärteten sie nicht, sondern machten sie sensibel für die Leiden anderer. Aufgewachsen im Flussgebiet des Amazonas in Parana do Paratari, an einem Seitenarm des Rio Solimões, gelangte sie schließlich aus privaten Gründen nach Österreich. Verheiratet, mit Kind und integriert, holen sie die Schatten und traumatischen Erlebnisse ihrer Vergangenheit ein, der sie sich schließlich bei einer Brasilienreise mit einer Freundin stellt. Das Buch beschreibt weitgehend chronologisch die Ereignisse im Leben von Sueli Menezes, ihre Freuden, die Widrigkeiten, denen sie sich tapfer stellt, ihre Schmerzen und deren Verarbeitung.  Der Leser erhält dabei auch Einblick in das faszinierende und schwierige Leben im Amazonas-Gebiet.

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Ab morgen Mönch

Bruder Longinus Beha (mit Gerald Drews): Ab morgen Mönch. Ein Afghanistansoldat geht ins Kloster. München: Pattloch 2009  (272 Seiten, zahlreiche Abbildungen)

Was bewegt einen jungen Mann Mönch zu werden und ins Kloster zu gehen? Bruder Longinus Beha erzählt seinen ganz besonderen Weg, der ihn in die Benediktinererzabtei Beuron und zu seinem neuen Leben führte. Zunächst als Frank Beha Zeitsoldat bei der Bundeswehr und bei Auslandseinsätzen aktiv eingesetzt, entdeckt er (zunächst kaum an Glaube und Religion interessiert) allmählich seine innere Bestimmung  und die Attraktivität des mönchischen Lebens für sich, in das er ebenso seine beruflich-erlernten Kenntnisse einbringen kann. Im Verlauf von Bruder Longinus‘ Erzählungen über die Schwierigkeiten, Hoffnungen und Freuden seines Lebens ersteht nicht nur ein Bild unserer Zeit, sondern es eröffnet sich in gleicher Weise die Welt des Klosters mit ihrem eigenen Lebens- und Tagesrhythmus und ihren Traditionen, die nicht in die Weltferne, doch in die Stille und Besinnung führen. Nur wenigen ist der Tagesablauf im Kloster oder das tägliche Leben mit den Brüdern in der Gemeinschaft vertraut. Abgesehen von seinem eigenen Werdegang sind daher besonders kostbar und eindrucksvoll die Einblicke, die er in den Klosteralltag gibt: die gemeinsamen Gebetszeiten, die Arbeitsaufteilungen, das einfache Leben oder auch die Vorbereitungsphasen, die zur Aufnahme in die Mönchsgemeinschaft führen.

Maria E. Dorninger

Wir haben einander gestärkt. Briefe an Franziska Jägerstätter zum 90. Geburtstag.

Erna Putz/Manfred Scheuer (Hrsg.): Wir haben einander gestärkt. Briefe an Franziska Jägerstätter zum 90. Geburtstag.
Linz: Edition Kirchenzeitung 2003. (220 Seiten)

Die Witwe des seliggesprochenen Franz Jägerstätters, Franziska Jägerstätter, verstarb am 16. März 2013 im 101. Lebensjahr. Sie war zunächst nicht mit der Entscheidung ihres Mannes, den Wehrdienst zu verweigern, einverstanden, hatte ihn dann jedoch unterstützt und ihm Rückhalt gegeben. Am 9. August 1943 wurde ihr Mann hingerichtet, 2007 selig gesprochen. Die Sammlung von Briefen an Franziska Jägerstätter, anlässlich ihres 90. Geburtstags am 4. März 2003, spiegelt Züge ihres Charakters, wie ihre Liebenswürdigkeit und Festigkeit, ihre Spiritualität, wider, sie zeigt jedoch zugleich in oftmals sehr berührender Weise, wie viel sie und ihr Mann vielen Menschen in der näheren Umgebung und weit über die Welt verstreut als Vorbild christlichen Verhaltens und aufrechten Lebens bedeuten und bedeuteten. Insofern gibt dieser Band auch von der internationalen Strahlkraft Franz Jägerstätters Zeugnis. Der Briefteil wird von einem Einleitungsteil und einem abschließenden Informationsteil eingerahmt.

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Hätte ich nicht eine innere Kraft

Carl Lampert: „Hätte ich nicht eine innere Kraft…“. Leben und Zeugnis. Hrsg. von Susanne Emerich. Mit Briefen von Carl Lampert und diversen Beiträgen u.a. von Reinhold Stecher. Innsbruck u.a.: Tyrolia 2012. (128 Seiten, zahlreiche Abbildungen)

Wie verhält man sich in schwierigen Zeiten, wenn zunächst verdeckt, sodann immer offener das Bekenntnis zum Christentum im eigenen Lande gefährlich wird? Ein Beispiel dafür gibt Mons. Dr. Carl Lamprecht, Kirchenrechtler aus Göfis in Vorarlberg und Provikar der Apostolischen Administratur Innsbruck-Feldkirch zur Zeit des Hitlerregimes. Wiederholt intervenierte er gegen die Einschränkung der Kirche und der Seelsorge der Priester durch die die Gauleitung. Lamprecht wurde inhaftiert, in verschiedene Konzentrationslager gebracht, freigelassen, denunziert, neu inhaftiert und im Zuchthaus „Roter Ochse“ in Halle an der Saale hingerichtet. Berührend sind die Briefe Carl Lamprechts aus seinen schweren Stunden, seine inneren Kämpfe, sein Festhalten an Gott, der ihm in den dunkelsten Stunden Zuflucht und Trost bietet. Der Kreuzweg geht nun zur letzten Station (S. 109), schreibt er an seinem letzten Lebenstag.

Maria Dorninger